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Calmeyers Liste

Calmeyers Liste

Holocaust in den Niederlanden

Ein NS-„Rassereferent“ rettete die Berliner Schauspielerin Camilla Spira und tausende weitere Juden vor dem KZ. Ein Buch erinnert an sein Wirken.

Am Ende sehen die Rosenfelds einen Ausweg nur noch im Freitod. Der Fliegergeneral Harry Harras und die Opernsängerin Olivia Geiss hatten das jüdische Ehepaar eine Zeitlang vor den Häschern von SS und Gestapo verbergen können, helfen konnten sie ihm zuletzt nicht.

Eine Nebenhandlung aus Helmut Käutners „Des Teufels General“ (1955), seiner Verfilmung des vom Schicksal des Fliegers und NS-Luftwaffengenerals Ernst Udet inspirierten Zuckmayer-Dramas. Die Figur des Harras war eine Paraderolle für den „normannischen Kleiderschrank“ Jürgens und bedeutete für ihn den internationalen Durchbruch. Für die Berliner Schauspielerin Camilla Spira, Darstellerin der gefeierten Sängerin, schwangen in der Rolle auch leidvolle persönliche Erfahrungen mit: Während der Kriegsjahre, in denen der Film spielt, hatten sie und ihre Familie sich in einer ähnlichen Situation wie die Rosenfelds befunden.

Anders als das jüdische Filmpaar gelang ihnen die Rettung – und ausgerechnet mithilfe des Osnabrücker Anwalts Hans Calmeyer, der in den besetzten Niederlanden, Spiras Familie zur Falle gewordenem Exil, als „Rassereferent“ eingesetzt war. Dessen „Entscheidungsstelle für die Meldepflicht aus VO 6/41“ im Den Haager Reichskommissariat hatte bei „rassischen Zweifelsfällen“ darüber zu befinden, ob jemand als „Volljude“ zu werten, also zu deportieren, oder aber näher zu überprüfen und womöglich zu verschonen sei.

Die Rettung der Jüdin Camilla Spira, ihres ebenfalls jüdischen Mannes und der beiden Kinder nimmt in dem akribisch recherchierten Buch über Calmeyer, das der Osnabrücker CDU-Bundestagsabgeordnete Mathias Middelberg unlängst veröffentlicht hat, nur geringen Platz ein. Der Fall ist aber typisch für das in tausenden von Fällen lebensrettende, gleichwohl umstrittene Wirken Calmeyers. „Schindler oder Schwindler?“ – das war und bleibt eine entscheidende Frage, die auch Middelberg beschäftigt hat, ohne dass er eine eindeutige Antwort finden konnte, und es gibt sie wohl auch nicht. Calmeyer, so schreibt Middelberg, sei „Teil der Vernichtungsmaschine“ gewesen, habe dies sogar bleiben müssen, denn nur so, in seiner herausgehobenen Position als „Rassereferent“, sei er in der Lage gewesen zu helfen. Allerdings nicht allen Antragstellern, nicht in Fällen einer zu eindeutigen jüdischen Herkunft, in denen er bei einer Bescheinigung des „Ariertums“ sich selbst, seine Stellung und damit die geretteten oder künftigen Petenten gefährdet hätte. Die SS war ohnehin angesichts der sehr großzügigen Beurteilung der Zweifelsfälle durch Calmeyers Dienststelle schon misstrauisch geworden und hatte erste Schritte zur Überprüfung vorbereitet, zu denen es nur wegen des Kriegsverlaufs nicht mehr kam. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem jedenfalls ehrte Calmeyer 1992 als „Gerechten unter den Völkern“, und auch Middelberg sieht den „Rassereferenten“ letztlich doch als positive Figur: „Retter wie Hans Calmeyer verdienen unsere Erinnerung, nicht, weil sie Übermenschen gewesen wären, sondern weil sie Menschen geblieben sind in einer Zeit, in der das schon eine Leistung war.“

Camilla Spira, geboren 1906 in Hamburg, war die Tochter eines jüdischen Vaters und einer nicht jüdischen Mutter. Sie hatte die von Max Reinhardt gegründete Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin besucht, ihre Bühnenlaufbahn 1922 am Wallner-Theater in Mitte begonnen und nach einem Wiener Engagement in Berlin mit zunehmendem Erfolg fortgesetzt, im Theater wie bald auch beim Film. Ihr größter Bühnenerfolg vor 1933 war die Rolle der Wirtin Josepha Vogelhuber in Ralph Benatzkys Singspiel „Im weißen Rößl“, das am 8. November 1930 im Großen Schauspielhaus am Schiffbauerdamm Premiere feierte.

Nach Hitlers Machtübernahme durfte Camilla Spira als „Halbjüdin“ nur noch auf Bühnen des Jüdischen Kulturbundes auftreten. 1938 emigrierte sie mit ihrem Mann Hermann Eisner, ehemals stellvertretender Generaldirektor bei der Engelhardt-Brauerei, und den beiden Kindern nach Amsterdam – eine Zuflucht, die mit dem Einmarsch der deutschen Truppen 1940 hinfällig war. Im Juli 1942 begannen auch in den Niederlanden die Deportationen, zum angeblichen „Arbeitseinsatz im Osten“, Endstation Auschwitz.

In einem „Anmeldeformular“ der NS-Besatzungsbehörden hatte sich „Camilla Sara Eisner“ in der Rubrik „Religionszugehörigkeit“ 1941 wahrheitsgemäß noch als Jüdin eingetragen. Die meisten Juden machten es damals ähnlich, noch nicht ahnend, dass sie damit ihr Todesurteil unterschrieben. Camilla Spira wurde das angesichts der zunehmenden Repressionen und der späteren Deportationen bald klar, doch erst am 25. September 1942 wandte sie sich in einem Brief an Calmeyer, dessen – dank großzügiger Auslegung der Vorschriften – vielfach erfolgreiche Hilfe sich unter den Juden in den Niederlanden herumgesprochen hatte.

Der jüdische Ehemann ihrer Mutter sei nicht ihr leiblicher Vater, schrieb sie nun. „Dieses gestand mir meine Mutter schon im Jahre 1933, als die Judenfrage acut wurde.“ Sie habe jedoch verhindert, dass ihre Mutter etwas „zur Richtigstellung meiner Herkunft“ unternahm. Seit 1927 verheiratet, habe sie „begreifliche Hemmungen“ gehabt, ihrem Mann „meine uneheliche Geburt einzugestehen“. Nun halte sie es jedoch für ihre Pflicht, ihre beiden Kinder „vor dem ihnen bevorstehenden Schicksal zu behüten“. Die „arischen Papiere“ ihrer Mutter wie auch die ihres leiblichen, ebenfalls „arischen“ Vaters würden folgen, sie bitte aber schon jetzt Herrn Calmeyer darum, sie auf seine Liste der unklaren Fälle zu setzen.

Eine kostbare Liste, bewahrte sie doch die dort aufgeführten Personen vorerst vor Deportation und Ermordung. Und das war bei Camilla Spira dringend geboten: 1943 wurden sie und ihre Familie im Durchgangslager Westerbork festgesetzt, für viele Juden in den Niederlanden erste Station auf dem Weg in die Vernichtungslager.

Zu dem Brief an Calmeyer hatte ihr SS-Oberführer Walter Schellenberg, Chef des Auslandsnachrichtendienstes im Reichssicherheitshauptamt, geraten, aus welchen Motiven auch immer. Möglich, dass selbst hier noch ein gewisser Prominentenstatus der einst in Berlin gefeierten Schauspielerin wirkte; möglich auch, dass der vielleicht von Calmeyer als Protektion gedeutete Rat des hohen SS-Mannes an Camilla Spira ihn bewog, diesen Fall besonders milde zu behandeln.

Der „arische“ Vater, den Camilla Spira Calmeyer präsentierte, war der ungarische Schauspieler Victor Palfy, ein Kollege ihrer Mutter. Und wie erhofft setzte Calmeyer sie erst einmal auf seine Liste „rassischer Zweifelsfälle“. Zwecks Überprüfung der behaupteten „arischen“ Vaterschaft ließ er anschließend Spiras Mutter in Berlin durch die Gestapo befragen, die – wenig überraschend – die Angaben der Tochter bestätigte. Auch Fotos des angeblichen Erzeugers wurden studiert, mit dem Ergebnis eines vorläufigen Bescheids der nicht jüdischen Abstammung. Camilla Spira und ihre Familie wurden daraufhin fürs Erste aus Westerbork beurlaubt – und zugleich ein erbbiologisches Gutachten bei Professor Hans Weinert vom Anthropologischen Institut der Universität Kiel in Auftrag gegeben. Doch der hatte sich eigentlich nie, auch nicht in diesem Fall, der Bestätigung arischer Abstammung versagt.

Die angebliche nicht jüdische Herkunft Camilla Spiras wurde damit 1944 amtlich besiegelt, ihre Ehe mit dem Juden Hermann Eisner zur „privilegierten Mischehe“ erklärt, so war sie vor Verfolgung geschützt. Die Familie blieb in Amsterdam, erst 1947 kehrte die Schauspielerin nach Berlin zurück, setzte hier ihre Karriere fort, auf der Bühne, im Fernsehen und auch wieder im Kino, spielte an der Seite von Hans Albers, Romy Schneider, Martin Held und auch – als erfolglose Helferin eines jüdischen Ehepaares – an der von Curd Jürgens. Am 25. August 1997 starb sie in Berlin und wurde auf dem Waldfriedhof Dahlem beigesetzt – eine „Frohnatur“, wie Günther Grack im Tagesspiegel schrieb, deren Signum „ein herzliches Lachen“ war, „das sie bis ins hohe Alter bewahrte“.

Mathias Middelberg: „Wer bin ich, dass ich über Leben und Tod entscheide?“ Hans Calmeyer – „Rassereferent“ in den Niederlanden 1941–1945. Wallstein Verlag, Göttingen. 270 Seiten, 66 Abb., 19,90 Euro

 

http://www.tagesspiegel.de/berlin/holocaust-in-den-niederlanden-calmeyers-liste/12106748.html

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